09. Kein Chinesisch = Kein Frühstück

Zu emotionalen Herausforderungen im Umgang mit der Familiensprache

Verfasst von David Mathieu, B.A.

Diskutireter Beitrag:

Wang, Y. (2023). Speaking Chinese or no breakfast: Emotional challenges and experiences confronting Chinese immigrant families in heritage language maintenance. International Journal of Bilingualism, 27 (2), 232-250. https://doi.org/10.1177/13670069221126043

Neben organisatorischen Hürden, die sich – wie in den letzten beiden Beiträgen (07. und 08.) gezeigt – im Rahmen von Unterrichtsangeboten für Herkunftssprachen ergeben können, birgt der Umgang mit der bzw. den Herkunftssprache(n) innerhalb der Familie für alle Beteiligten gegebenenfalls emotionale Herausforderungen oder sogar Konfliktpotenzial (siehe z.B. Sevinç 2020, unten “Zum Weiterlesen”). Aber welche Überlegungen und Gefühlslagen spielen dabei eigentlich im Einzelnen aus Sicht der Eltern eine Rolle? Dieser Frage widmet sich eine Studie der Forscherin Yining Wang von der Macquarie University in Australien.

Im Rahmen dieser Studie analysierte sie Daten zu insgesamt 12 Familien mit der Herkunftssprache Chinesisch, die größtenteils zwischen 2007 und 2014 nach Australien zogen. Die Kinder waren zum Zeitpunkt des Umzugs zwischen 3 und 9 Jahren alt. Konkret setzen sich die erhobenen Daten zu den Familien aus Interviews, Beobachtungen der Forscherin, Fotos und Online-Posts der Eltern zusammen. Insgesamt stellte Wang fest, dass die Bemühungen der Eltern, die Herkunftssprache Chinesisch zu erhalten, überwiegend negative Emotionen wie Wut, Reue, Schuld oder Angst, aber in einigen Familien auch positive Emotionen wie Zufriedenheit oder Stolz hervorriefen. Typischerweise verlangten die Eltern, zu Hause ausschließlich Chinesisch zu sprechen, begleiteten bzw. beaufsichtigten das Lesen und Schreiben der Kinder in der Herkunftssprache und schickten sie in einen herkunftssprachlichen Unterricht. Negative Emotionen ergaben sich für die Eltern immer dann, wenn die Kinder Widerstand gegen diese Maßnahmen bzw. Vorgaben der Eltern leisteten und/oder das von den Eltern erwartete Chinesisch-Niveau nicht erreichten.

Dabei konnte Wang in den Äußerungen der Eltern wiederkehrende Motive ausmachen, die auf die Ursachen dieser Gefühlslagen hindeuten. So sahen einige Eltern die vermeintlich unzureichenden Chinesisch-Kompetenzen ihrer Kinder als Zeichen des Verlustes der kulturellen Wurzeln – was sie oft an einem „australischen“ bzw. „westlichen“ Akzent der Kinder festmachten. Umgekehrt zeigten sich Eltern stolz, wenn ihre Kinder akzentfrei sprachen bzw. die Aussprache des Standard-Mandarin beherrschten. Ein weiteres Motiv betraf den häufig geäußerten Eindruck, dass die Beziehung zu den Kindern unter deren fehlenden Chinesisch-Kenntnissen leide, weil die Eltern dann in der Sprache, in der sie sich am besten ausdrücken können, nur oberflächliche Unterhaltungen mit den Kindern führen können. Besonders Eltern mit begrenzten Englisch-Kenntnissen beklagten außerdem ein Auseinanderdriften der Werte und Normen, die sie und ihre Kinder jeweils vertreten. Eine Mutter, die von einer solchen kulturellen Entfremdung berichtet, geht dabei in ihrer Verzweiflung so weit, ihrer Tochter die Verweigerung des Frühstücks anzudrohen, um sie zum Chinesisch-Sprechen zu bewegen – auch wenn sie am nächsten Tag wieder von dieser „Erziehungs-methode“ ablässt. Das dritte von Wang beschriebene Motiv bezieht sich auf die Befürchtungen der Eltern, dass ihren Kindern in Zukunft berufliche Chancen verlorengehen, wenn sie Chinesisch nicht (ausreichend) beherrschen – gerade angesichts der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung Chinas.

Was bedeuten diese Studienergebnisse nun für mehrsprachige Familien und ferner für Bildungseinrichtungen? Wie Wang am Ende ihres Artikels selbst betont, lässt sich aus ihrer Studie folgern, dass der Erhalt der Herkunftssprache(n) große Relevanz für das emotionale Wohlbefinden von Familien mit Migrationshintergrund hat. Gerade die Beobachtung, dass der Verlust der Herkunftssprache(n) gegebenenfalls zur Entfremdung von Eltern und Kindern führen kann, unterstreicht die Bedeutung dieses Fazits. Wang fügt hinzu, dass für den Spracherhalt sowohl kontinuierliche Bemühungen der Familien als auch Unterstützung durch Bildungsinstitutionen erforderlich sind. Im Hinblick auf die Maßnahmen, welche die Familie selbst umsetzen kann, scheint der Kontakt zum bzw. das Reisen ins Herkunftsland ein vielversprechender Ansatz zu sein. So berichtete im Rahmen der Studie die Mutter aus einer Familie, in der die Bemühungen um den Spracherhalt mit positiven Emotionen verbunden waren, dass sie ihre Tochter für einen sechsmonatigen Aufenthalt inklusive Schulbesuch zurück nach China geschickt habe, woraufhin die Tochter Fortschritte im Chinesischen, ein engeres Verhältnis zu ihren Großeltern sowie eine emotionale Verbindung zu China gewonnen habe. Eine andere Familie berichtete vom Einsatz chinesischsprachiger Bücher zu verschiedenen Themen als Erfolgsrezept für den Spracherhalt. Außerdem zeigte sich in Wangs Studie, dass Erfolgserlebnisse wie das Bestehen einer Prüfung in der Herkunftssprache eine positive Rolle im Spracherhalt zu spielen scheinen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass nicht alle Familien zeitlich oder finanziell in der Lage sind, derartige Bemühungen um den Erhalt der Herkunftssprache(n) zu stemmen, wird allerdings deutlich, wie wichtig die herkunftssprachliche Förderung durch Bildungseinrichtungen ist. Um das emotionale Wohlbefinden mehrsprachiger Familien zu verbessern, bedarf es also einer kontinuierlichen Berücksichtigung der Herkunftssprachen im Bildungssystem – von der Kita bis zu den unterschiedlichen Schulformen.

Was meinen Sie?

Zum Abschluss sind Sie gefragt: Welchen Herausforderungen sind Sie beim Umgang mit Ihrer/n Herkunftssprache(n) innerhalb Ihrer Familie begegnet? Welche Unterstützungsangebote wünschen Sie sich oder hätten Sie sich gewünscht? Haben Sie konkrete Ideen, wie der Spracherhalt auch außerhalb von Kita und Schule gefördert werden könnte?

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Zum Weiterlesen

[Zur Bandbreite an Emotionen im Umgang mit Herkunftssprachen]

Sevinç, Y. (2020). Anxiety as a negative emotion in home language maintenance and development. In A. C. Schalley, & S. A. Eisenchlas (Eds.), Handbook of Home Language Maintenance and Development: Social and Affective Factors (pp. 84–108). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton. https://www.asau.ru/files/pdf/2504814.pdf#page=97

Tannenbaum, M. (2005). Viewing Family Relations Through a Linguistic Lens: Symbolic Aspects of Language Maintenance in Immigrant Families. Journal of Family Communication, 5 (3), 229-252. doi:10.1207/s15327698jfc0503_4.