Herkunftssprache ≠ Herkunftssprache?

Zu Sprachprestige und Diskriminierung in Verbindung mit Herkunftssprachen

Verfasst von David Mathieu, B.A.

Diskutierter Beitrag:

Schroedler, T., Purkarthofer, J. & Cantone, K. F. (2024). The prestige and perceived value of home languages. Insights from an exploratory study on multilingual speakers’ own perceptions and experiences of linguistic discrimination. Journal of Multilingual and Multicultural Development, 45 (9), 3762–3779. https://doi.org/10.1080/01434632.2022.2121402

Trotz einiger Unterschiede zwischen den Bundesländern lässt sich für den fremdsprachlichen Unterricht in Deutschland zumindest in einer Hinsicht eine relativ klare Tendenz ausmachen: Die an Sekundarschulen unterrichteten (modernen) Fremdsprachen sind typischerweise Englisch, Französisch oder Spanisch. Angesichts einer zunehmend mehrsprachigen Gesellschaft, in der neben diesen drei Sprachen auch viele andere als Herkunftssprachen vertreten sind – teilweise sogar stärker als diese Schulfremdsprachen (siehe Beitrag 04 in dieser Reihe) – stellt sich die Frage nach den Auswirkungen bzw. Implikationen einer solchen „Kanonisierung“ bestimmter Fremdsprachen: Werden manche Herkunftssprachen im Vergleich zu anderen als wertvoller bzw. prestigeträchtiger wahrgenommen? Erfahren die Sprecher bestimmter Herkunftssprachen häufiger Diskriminierung? Diesen Fragen widmet sich eine Studie von Tobias Schroedler, Judith Purkarthofer und Katja F. Cantone (2024).

Eine Besonderheit dieser Studie besteht darin, dass sie die wohl erste in Deutschland durchgeführte ist, in der das Prestige einzelner Sprachen an den Einstellungen Mehrsprachiger zu ihren eigenen Erstsprachen festgemacht wurde, nicht zu anderen Sprachen, wie in thematisch ähnlichen Studien üblich. Mithilfe eines Online-Fragebogens zu Sprachkenntnissen und -gebrauch, persönlichen Einstellungen zu den Sprachen, Wahrnehmung des Sprachprestiges und Erlebnissen sprachbezogener Diskriminierung wurden Daten von 144 Proband:innen erhoben, darunter 74 einsprachig Deutsch und 70 mehrsprachig aufgewachsen.

Schroedler et al. analysieren zunächst vier Items anhand derer die Teilnehmenden das Prestige ihrer Erstsprachen einschätzen: Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt, gesellschaftliche Akzeptanz, mögliches Unwohlsein beim Sprechen in der Öffentlichkeit und Erfahrungen, dass die eigene Sprache nicht willkommen ist. Insgesamt zeigt sich die Tendenz, dass Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch im Vergleich zu anderen Sprachen wie Polnisch, Türkisch oder Kurdisch als nützlicher, eher akzeptiert und beim öffentlichen Gebrauch mit weniger negativen Konsequenzen verbunden wahrgenommen wurden.

Ausgehend von diesen Ergebnissen konzentrierten sich die Autor:innen bei der Auswertung der Items zur sprachbezogenen Diskriminierung auf zwei Gruppen: Sprachen mit höherem und mit geringerem (wahrgenommenem) Prestige. Über sieben Items hinweg erwiesen sich die Proband:innen mit prestigeträchtigeren Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch) stets als weniger stark betroffen. Statistisch signifikant fiel dieser Unterschied für zwei dieser Diskriminierungstypen aus: das Verhöhnen der Erstsprache und negative Erfahrungen im Schulkontext.

Die Freitextantworten zeichnen ein noch differenzierteres Bild. Zwei zentrale Themen treten hervor: Erstens berichten Teilnehmende, nicht als vollwertiger Teil der deutschen Gesellschaft wahrgenommen zu werden – etwa durch die Aufforderung, in Deutschland ausschließlich Deutsch zu sprechen, oder durch „Komplimente“ zum eigenen Deutschniveau trotz Geburt und Aufwachsens in Deutschland. Zweitens äußerten mehrere Teilnehmende, dass ihre Herkunftssprache(n) als Hindernis für ihren Deutscherwerb bzw. ihren Bildungs- und/oder Berufserfolg wahrgenommen wurden – trotz guter schulischer Leistungen.

Was bedeuten diese Studienergebnisse für Bildungssystem und Familien? Die Ergebnisse deuten klar darauf hin, dass neben Deutsch als Umgebungssprache bestimmte Herkunftssprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch) im Vergleich zu anderen (z. B. Türkisch, Arabisch, Russisch, Polnisch) als prestigeträchtiger wahrgenommen werden, und dass Sprecher:innen der weniger prestigeträchtigen Sprachen deutlich stärker von sprachbezogener Diskriminierung betroffen sind. Angesichts dieser alarmierenden Situation fordern Schroeder et al., den reflektierten Umgang mit mehrsprachigen Lernenden sowie das Schaffen einer diskriminierungsfreien Lernatmosphäre stärker in der Lehrkräfteausbildung zu verankern. Weiterhin weisen sie darauf hin, dass der Prestige-Unterschied möglicherweise darauf zurückgeführt werden kann, dass Sprachen wie Türkisch, Russisch oder Polnisch nicht Teil der klassischen Fremdsprachenlehrpläne sind. Langfristig stellt sich daher die Frage nach einer Neugestaltung des Sprachunterrichts, insbesondere in der Sekundarstufe: Denkbar wäre ein breiteres Sprachenangebot statt weniger kanonischer Fremdsprachen, sowohl im Modus des herkunftssprachlichen als auch des fremdsprachlichen Unterrichts oder ggf. einer kombinierten Unterrichtsform (siehe Beiträge 07. und 08.), mit mehr Wahlfreiheit ab unteren Jahrgangsstufen. Solche Reformen sind jedoch nicht so bald zu erwarten.

Was meinen Sie?

Zum Abschluss sind Sie gefragt: Wie schätzen Sie Ihre eigene (Herkunfts-)Sprache(n) im Hinblick auf das Prestige ein und warum? Welche positiven oder negativen Erfahrungen haben Sie mit Ihrer/n Herkunftsprache(n) während der Schulzeit gemacht? Was kann die Schule Ihrer Meinung nach für die Gleichberechtigung von Sprachen leisten?

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Zum Weiterlesen

[Zum Zusammenhang von Prestige und Spracherhalt]

Olfert, H. (2019). Spracherhalt und Sprachverlust bei Jugendlichen: Eine Analyse Begünstigender und Hemmender Faktoren für Spracherhalt im Kontext von Migration. Tübingen: Narr.