Zur Rolle von language anxiety und Spracheinstellungen bei der Weitergabe von Herkunftssprachen
Verfasst von David Mathieu, B.A.
Diskutierter Beitrag:
Sevinç, Y. (2022). Mindsets and family language pressure: language or anxiety transmission across generations? Journal of Multilingual and Multicultural Development, 43 (9), 874-890. https://doi.org/10.1080/01434632.2022.2038614
Die im vorausgehenden Beitrag (09.) vorgestellte Studie machte bereits deutlich, dass die innerfamiliären Bemühungen um den Erhalt von Herkunftssprachen eng mit emotionalen Herausforderungen und individuellen Überzeugungen zum Sprachenlernen verwoben sind. Dabei stand vor allem die Perspektive der Eltern im Mittelpunkt und deren Gefühlslagen wurden tendenziell als Reaktionen auf das Verhalten der Kinder betrachtet – besonders in Abhängigkeit davon, ob die Kinder die „Vorgaben“ der Eltern zum Erlernen der Herkunftssprache befolgen oder nicht. Die umgekehrte Sichtweise wirft aber ebenso wichtige Fragen auf: Wie wirken sich von vornherein bestehende, auf die Herkunftssprache und ihren Erhalt bezogene Gefühlslagen und Überzeugungen der Eltern- bzw. Großelterngeneration auf die nachkommenden Generationen aus? Und welche Rolle spielen diesbezüglich insbesondere emotionaler Druck und Verbote? Erste Antworten auf diese Fragen bietet eine Studie von Sevinç (2022).
In dieser Studie untersuchte Sevinç den Spracherhalt über drei Generationen hinweg vor allem im Hinblick auf drei Aspekte, die ihr zufolge miteinander in Verbindung stehen: language anxiety (Anspannung, Nervosität in Bezug auf die Herkunfts- und/oder Umgebungssprache), Einstellungen bzw. Überzeugungen zum Thema Sprachenlernen und Mehrsprachigkeit, sowie die Praktiken des Spracherhalts selbst, d.h. die Bemühungen, die von Familien unternommen werden, um die Herkunftssprache(n) zu erhalten. Dazu analysierte sie Interviews mit zwei in den Niederlanden lebenden Familien mit der Herkunftssprache Türkisch, bei denen die language anxiety besonders stark ausgeprägt war. In beiden Familien wurden jeweils die Mutter und ihre beiden Töchter interviewt. Beide Mütter migrierten im Erwachsenenalter in die Niederlande. Die Töchter sind alle dort aufgewachsen. Zum Zeitpunkt der Interviews waren drei von ihnen ebenfalls erwachsen, eine war 14 Jahre alt.
Die Interviews zeigen, dass die Elterngeneration der befragten Familien – in einer Familie auch die Großelterngeneration – von einem von Sevinç beschriebenen fixed monolingual mindset geprägt ist: Spracherwerb gilt demnach nur dann als erfolgreich, wenn in beiden Sprachen ein „muttersprachliches“ Niveau erreicht wird (siehe auch Beitrag 05).Typisch für dieses Mindset ist außerdem die Vorstellung, dass sich das Sprechen der Umgebungssprache negativ auf den Erwerbsprozess der Herkunftssprache auswirkt und/oder andersherum, in der Annahme, dass die Kapazität zum Sprachenlernen begrenzt ist. Bei den älteren Generationen beider Familien ging eine solche Einstellung mit der Befürchtung einher, dass der Verlust der Herkunftssprache auch einen Verlust der kulturellen Identität bzw. der Verbindung zur Verwandtschaft im Herkunftsland bedeute. Dementsprechend war die Generation der Töchter in beiden Familien mit der Erwartung konfrontiert, Türkisch möglichst „fehlerfrei“ zu erlernen, aber gleichzeitig beschränkten sich die Praktiken des Spracherhalts auf das Fernsehen in türkischer Sprache.
Der entscheidende Punkt von Sevinçs Analyse besteht nun darin, dass sie mit Verweis auf einige Aussagen aus den Interviews aufzeigt, wie gerade diese Einstellungen und restriktiven Sprachlernvorgaben dazu führten, dass auch die in den Niederlanden aufgewachsenen Töchter dieselben Vorstellungen von Spracherwerb und Mehrsprachigkeit übernommen haben und deshalb seit der Kindheit unter besonders großem Druck in Bezug auf das Sprechen der Herkunftssprache standen. So entwickelten sie eine language anxiety und in den meisten Fällen vermieden sie schließlich die türkische Sprache. Zwei von ihnen äußerten in den Interviews die Entscheidung, Türkisch nicht an ihre Kinder weiterzugeben. Außerdem konnte Sevinç den Interviews entnehmen, dass traumatische Erfahrungen außerhalb der Familie, etwa der pedantisch fehlersuchende Vergleich oder die Ausgrenzung gegenüber monolingual mit der niederländischen Sprache Aufgewachsenen, in einigen Fällen mit einer zusätzlichen language anxiety in Bezug auf die Umgebungssprache einhergingen.
Was bedeuten diese Studienergebnisse nun für den Alltag mehrsprachiger Familien sowie für das Bildungssystem? Sevinç selbst formuliert einige Empfehlungen als Implikationen ihrer Ergebnisse: Ihr zufolge ist das Aufgeben der Mehrsprachigkeit (d.h. etwa zugunsten der einsprachigen Erziehung in der Umgebungssprache) oft zwar die schnellste Lösung zur Linderung der language anxiety, aber keinesfalls die beste. Sie weist darauf hin, dass dadurch langfristig die language anxiety sogar verstärkt werden kann oder die Entscheidung ggf. bereut wird. Außerdem gibt Sevinç zu bedenken, dass die Großeltern nicht uneingeschränkt als positiver Faktor beim Erhalt der Herkunftssprache(n) betrachtet werden können. So können sie etwa den Spracherhalt beeinträchtigen, wenn sie fixed monolingual mindsets an den Tag legen und Druck ausüben, dabei aber keine Anreize zur Beschäftigung mit der Herkunftssprache bieten.
Konkret empfiehlt Sevinç Familien also, das Gegenteil der fixed monolingual mindsets, nämlich growth multilingual mindsets, zu leben und zu fördern: Damit ist eine Einstellung gemeint, die Mehrsprachigkeit als nützliche Ressource versteht, die potenziell lebenslang durch Übung, Engagement und Durchhaltevermögen erweitert werden kann. In diesem Sinne kommt es Sevinç zufolge der Mehrsprachigkeit zugute, wenn Eltern ihre Befürchtungen und Ängste (z. B. wie oben gezeigt bezüglich des Identitätsverlusts) kontrollieren können und es den Kindern zugestehen, Fehler zu machen und aus diesen zu lernen. Weiterhin empfiehlt sie Eltern, das Sprachenlernen mit entsprechenden attraktiven Aktivitäten zu fördern. Im Rahmen eines letzten Tipps zum Erhalt von Herkunftssprachen fordert sie Eltern dazu auf, nicht nur Erfolge, sondern auch die Bemühungen der Kinder zu loben und sie nicht mit einsprachigen Gleichaltrigen zu vergleichen.
Schließlich kann angesichts der Erkenntnisse der besprochenen Studie zur language anxiety in der Umgebungssprache das Fazit gezogen werden, dass auch in den verschiedenen Institutionen des Bildungssystems Mehrsprachigkeit nicht als hinderlich, sondern als bereichernde Ressource bzw. Potenzial geschätzt werden sollte. Besonders sind Erzieher:innen, Lehrkräfte und Dozent:innen für die Gefahr der potenziellen Ausgrenzung bzw. Diskriminierung Mehrsprachiger gegenüber Monolingualen zu sensibilisieren, sodass sie präventiv handeln und ggf. gezielt einschreiten können.
Was meinen Sie?
Zum Abschluss sind Sie gefragt: Wie haben Sie die Erziehung in Bezug auf Ihre Herkunftssprache(n) in Ihrer Familie erlebt? Wie kann man Ihrer Ansicht nach schulische Leistungserhebungen in der Umgebungssprache und die Vermeidung des strikten Vergleichs Monolingualer mit Mehrsprachigen miteinander vereinen?
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Zum Weiterlesen
[Zu language-learning mindsets]
Noels, K. A. & Lou, N. M. (2015). Mindsets, Goal Orientations and Language Learning: What We Know and What We Can Do. CONTACT, 41 (2), 41–52. https://www.researchgate.net/publication/301339262_Mindsets_Goal_Orientations_and_Language_Learning_What_We_Know_and_What_We_Can_Do
[Zu language anxiety im Migrationskontext]
Sevinç, Y. (2018). Language Anxiety in the Immigrant Context: Sweaty Palms? International Journal of Bilingualism, 22 (6), 717–739. https://doi.org/10.1177/1367006917690914