Im Rahmen der Vortragsreihe "Mehrsprachigkeit und (soziale) Gerechtigkeit" hält Prof. Dr. Detmar Meurers (IWM Tübingen/Universität Tübingen) einen Vortrag mit dem Titel: "Wie sehen digitale Zugänge zu Bildung aus, die mehr soziale Gerechtigkeit ermöglichen – und welche Rolle spielt Sprache dabei? ".
Wie sehen digitale Zugänge zu Bildung aus, die mehr soziale Gerechtigkeit ermöglichen – und welche Rolle spielt Sprache dabei?
Der erste Professor für Pädagogik in Deutschland, Ernst Christian Trapp, fragte bereits: „Wie machst Du aus einem jeden Kopf und Herzen, was daraus werden kann?“, wo doch die Kinder in ein und derselben Klasse ganz unterschiedliche „Anlagen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Neigungen, Bestimmungen“ haben (Trapp 1780, S. 15)?
Zwei Jahrhunderte später bestätigt eine groß angelegte Studie unter Sekundarschullehrkräften in Deutschland (Kunze & Solzbacher, 2008), dass die individuelle Förderung von Kindern von praktisch allen Lehrkräften als zentrales Ziel angesehen wird – doch 90 % halten dies in der Praxis für unmöglich. Es mangelt an Materialien, Zeit und Kompetenzen für die Diagnose, die adaptive Auswahl aus vielfältigen Lernaufgaben und die individuelle Unterstützung des Lernprozesses.
Die Kultusministerkonferenz bot mit ihrer Strategie für Bildung in einer digitalen Welt einen willkommenen Hoffnungsschimmer: „Digitale Medien halten ein großes Potential zur Gestaltung neuer Lehr- und Lernprozesse bereit, wenn wir allein an die Möglichkeiten zur individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern denken.“ (S. 3)
In der Praxis haben sich die Bemühungen in der vergangenen Dekade dann aber vor allem darauf konzentriert, digitale Hardware und Internetverbindungen in Schulen verfügbar zu machen – in jüngerer Zeit gerne kombiniert mit einem magischen Glauben an KI-Chatbots als Deus ex Machina. Allerdings fokussiert die KMK auch in der überarbeiteten Strategie 2021 die zentrale Vision einer digitalen Förderung: „Differenzierung als didaktisch-methodisches Prinzip orientiert sich an der Heterogenität der Lerngruppe sowie an der Individualität eines jeden Lernenden und ist durch die Gestaltung schulischer Lehr-Lern-Prozesse weiterzuentwickeln.“ (KMK 2021, S. 5)
In diesem Vortrag diskutieren wir einen digitalen Ansatz, der die Heterogenität der Lernenden ins Zentrum stellt und durch entsprechend vielfältig parametrisierte, adaptiv zugewiesene Aufgaben adressiert. Das intelligente Tutorsystem ALEE, das aus einer Zusammenarbeit mit der Universität Lüneburg und dem IÖB Oldenburg entstanden ist, unterstützt den adaptiven Erwerb der fachlichen Grundlagen in der ökonomischen Bildung. In einer randomisierten, kontrollierten Feldstudie im authentischen Schulkontext haben wir untersucht, wie sich die fachliche, kognitive und sprachliche Aufgabenparametrisierung auf den Lernerfolg auswirkt. Es zeigt sich, dass diese Form der Aufgabengestaltung und adaptiven Zuweisung die Abhängigkeit des fachlichen Bildungserfolgs von individuellen Unterschieden wie dem Bildungsstand des Elternhauses systematisch verringern lässt. Der Schlüssel zu einer effektiven fachlichen Grundbildung liegt gerade auch in einer sprachlich vielfältigen und adaptiven Gestaltung des Lernmaterials.
Referenzen
KMK (2016) Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. https://purl.org/dm/kmk-16.pdf
KMK (2021) Lehren und Lernen in der digitalen Welt. Ergänzung zur Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ http://purl.org/dm/kmk-21.pdf
Kunze, Ingrid & Claudia Solzbacher (Hrsg.) (2008). Individuelle Förderung in Sekundarstufe I und II. Schneider Verlag Hohengehren.
Trapp, Ernst Christian (1780). Versuch einer Pädagogik. Berlin bei Friedrich Nikolai. https://doi.org/10.11588/diglit.5799#0023