Familie, Verwandtschaft und Zugehörigkeit in Literatur und Kultur
Familie ist in der historischen Überschau wohl die wirkmächtigste Form menschlichen Zusammenlebens; sie organisiert den Eintritt in die Gesellschaft und das Ausscheiden, sie bindet Individuen zusammen und entlässt sie auch wieder. Zugleich verändert sich ihre Gestalt und Bedeutung historisch und kulturell beständig: Vorstellungen von Elternschaft, Generationenbeziehungen, Verwandtschaft oder Zugehörigkeit werden immer wieder neu ausgehandelt. Familien sind entsprechend fiktiv, im Sinn des lateinischen fingere: gestaltet, geformt und vorgestellt. Deshalb spielen Literatur und andere kulturelle Imaginationsformen eine besondere Rolle; sie sind Medien, in denen familiale Ordnungen (oder ihr Zusammenbruch) erzählt, reflektiert, stabilisiert oder auch in Frage gestellt werden. Die Literatur lotet aus, wie die Familie pendelt zwischen Positionen der Geborgenheit und der Einschränkung, der Fremdbestimmung und der Selbstbestimmung, der Identifizierung und der Entfremdung, der Verdrängung und der Rückkehr des Verdrängten, der Offenheit und des Geheimnisses, des Vertrauten und des Verstörenden.
Die Ringvorlesung des Graduiertenkollegs Family Matters wird von ihren Mitgliedern und Vertreter:innen ihrer Kooperationspartner bespielt. Sie widmet sich den Darstellungen und Deutungen von Familie in unterschiedlichen Zeiten und kulturellen Kontexten. Beiträge aus verschiedenen Disziplinen – u.a. Anglistik, Germanistik, Komparatistik, Latinistik, Romanistik, Skandinavistik, Slavistik, Film- und Theaterwissenschaft – untersuchen, wie Texte und Medien familiale Beziehungen gestalten, Konflikte zwischen Generationen oder Geschlechtern verhandeln und alternative Formen von Gemeinschaft (Religion, Staat, Nation, care-Gemeinschaften …) sichtbar machen.
Die Vorträge reichen von der Antike bis zur Gegenwart und verbinden literaturwissenschaftliche, kulturhistorische und medienbezogene Perspektiven. Ein Schwerpunkt soll auf den ästhetischen Mitteln liegen, die die Familiarität der Literatur und die Literarizität der Familie erfahrbar machen.
Offen für Studierende verschiedener Philologien und Kulturwissenschaften sowie für alle interessierte Hörerinnen und Hörer.
Leistungsnachweise können – je nach Prüfungsordnung – in Form eines Kurzessays, einer Klausur oder eines Portfolios erbracht werden.
Programm
- 20.10.26
Herle Jessen & Joachim Schiedermair: Das Familiale als Form. Poetiken von Bindung und Ent-Bindung - 27.10.26
Riccardo Nicolosi: Familie als Krankheit. Der europäische Degenerationsroman im ausgehenden 19. Jahrhundert - 03.11.26
Tobias Döring: Wechselbälger. Salomonische Geschichten zur Ordnung der Familie - 10.11.26
Judith Frömmer & Barbara Vinken: Mutter und Nation. Über Gewalt und politische Wiedergeburt in 'La Ciociara' und 'Madres Paralelas' - 17.11.26
Stephan Kammer: Doch nichts mehr von Natur. Kleists Familien - 24.11.26
Annette Keck: Merkwürdige Tanten. Zur komischen Entstellung des Familialen - 01.12.26
Ulf Otto: Ensemble. Familiale Bindungsfiguren in theatralen Produktionsgemeinschaften - 08.12.26
Gerhard Poppenberg: Ödipus von Sophokles bis Corneille – et au-delà - 15.12.26
Kurt Hahn: Verlustgemeinschaften: Über Szenarien familialer Ent-Bindung und eine narrative Erfolgsformel - 12.01.27
Paula Villa Braslavsky: Ungewöhnlich normal? Co-Parenting und Familienforschung - 19.01.27
Lina Herz & Susanne Reichlin: Krisen dynastischer Sukzession im 15. und 16. Jahrhundert - 26.01.27
Juliane Prade-Weiss: Familien im kulturellen Gedächtnis von Massengewalt. Katja Petrowskaja und Maria Stepanova - 02.02.27
Verena Schulz: Familienszenen und Familienkörper: die kaiserliche Familie bei Tacitus - 09.02.27
Herle Jessen & Joachim Schiedermair: Klausur