25 Jun

Gastvortrag von Prof. Dr. Uwe Wirth (Justus Liebig-Universität Gießen)

Termin:

Do.:
18:00 - 20:00 Uhr

25. Juni 2026

Ort:

Raum S 006 Schellingstr. 3 80799 München
Lithographie: Ein Mann führt eine Verpfropfung durch

Hornyk: Month of April

Fortpflanzen und Verpflanzen: Überlegungen zum 'Prinzip Pfropfung' in Goethes Die Wahlverwandtschaften und E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann

Am Ausgangspunkt der Fragestellung steht eine Überlegung von François Jacob, der in seinem Buch Die Logik des Lebenden behauptet, um 1800 vollziehe sich eine Transformation vom Konzept der Zeugung hin zu einem Konzept der Reproduktion. In diesem Zusammenhang nimmt die Hortikulturtechnik der Pfropfung eine besondere Position ein: Sie wird zu einer Figur, in der eine neue, dem Konzept Reproduktion gehorchende 'Logik des Lebenden' zum Ausdruck kommt. Dies lässt sich mit Blick auf Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften (1809) zeigen, der mit einer der berühmtesten Pfropf-Szenen der deutschsprachigen Literatur beginnt. Auch in E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann (1816) werden wir mit der Frage nach der Logik des Lebenden konfrontiert, und zwar gleichermaßen bezogen aufs Fortpflanzen und aufs Verpflanzen im Modus eines quasi-hybriden "coupling between organism and machine" sensu Donna Haraway. Inwiefern ist auch dabei so etwas wie ein 'Prinzip Pfropfung' am Werk?

Uwe Wirth ist seit 2007 Professor für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft an der Liebig-Universität Gießen. Davor hat er in Berlin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung und in Frankfurt an der Goethe-Universität geforscht, gelehrt und gearbeitet. Seine Forschungsinteressen sind Theorien der Autorschaft (z.B.: Die Geburt des Autors aus dem Geist der Herausgeberschaft, Fink 2008) und des Humors (z.B.: Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch, Metzler 2017) sowie Konzepte der Kultur (z.B.: Performanz, Suhrkamp 2002). 2025 ist sein Buch: Pfropfung. Eine Theorie der Kultur im S. Fischer-Verlag erschienen, in dem er die Pfropfung als Konzeptmetapher für kulturelle, epistemische, poetische und medientechnische Prozesse untersucht. Die Analyse umfasst die historischen und theoretischen Verwendungen der Pfropfung, beginnend mit ihrer botanischen Praxis als Kultivierungstechnik, und erweitert sie auf kulturelle Phänomene wie kulturelle Hybridität, Kolonisierung und Übersetzung.