Simon Kienzl, M.A.
Doktorand
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Postanschrift:
Ludwig-Maximilians-Universität München Department I Germanistik
80799 München
Doktorand
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Postanschrift:
Ludwig-Maximilians-Universität München Department I Germanistik
80799 München
Simon Kienzl wurde in Bozen in Italien geboren und studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie an der LMU München und an der Universität Pisa. Nach Abgabe seiner Masterarbeit unter dem Titel „Io non ci sto!“ Widerständiges Schreiben in Elena Ferrantes Neapel-Zyklus an der LMU arbeitete er als freier Mitarbeiter für verschiedene Zeitungen, bis er im April 2024 als Mitglied des Family-Matters-Graduiertenkollegs die Arbeit an seiner Dissertation aufgenommen hat. Eine wiederkehrende Frage, die ihn schon in seiner Masterarbeit umtrieb, ist die nach den widerständigen Potentialen von Literatur: Was kann Literatur leisten, zwischen den Extremen komplexer und in sich widerständiger Texte einerseits, und konsumierbarer und millionenfach gelesener Romane wie Elena Ferrantes Neapel-Zyklus andererseits?
Dissertationsvorhaben:
Neapel schreiben: Familiale Topographien einer Stadt zwischen Literatur und Theorie
Vedi Napoli e poi muori. Neapel sehen und sterben – dieses bis heute gebräuchliche Diktum hielt einer der bekanntesten Grand-Tour-Reisenden, Johann Wolfgang von Goethe, im Jahr 1787 in seinen Notizen fest. Zwischen das „Sehen“ und „Sterben“ schiebt sich, wie bei Goethe so bei unzähligen weiteren, der Zwischenschritt eines Schreibens über diese Stadt – ein Schreiben, das unglaubliche Textmengen produzierte und einen enormen Diskursraum rund um den Golf von Neapel eröffnet hat.
Genau hier möchte meine Arbeit ansetzen und sich einer familialen Kartographierung dieses Diskursraumes anhand theoretischer und literarischer Texte zuwenden. Das Desiderat ist dabei ein zweifaches: sowohl eine Kartographierung der Stadt entlang von Familie als auch eine Kartographierung von Familie entlang dieser Stadt. Während theoretische Texte zu Neapel nämlich wiederholt an einer in ihnen postulierten Singularität der Stadt mit- und ihr ein enormes heterotopes Potential zuschreiben, gerieten Neapels Familienstrukturen immer wieder nur im Hintergrund dieses Diskurses in den Blick. Die lektüreleitende Hypothese meiner Arbeit ist demgegenüber, dass sich jenseits ihrer Familiengeschichte(n) die Geschichte (dieser Stadt) nicht begreifen lässt. Diese Annahme kommt in den verschiedenen Kapiteln und Lektüren der Arbeit auf den Prüfstand, indem der theoretische Neapeldiskurs und hier insbesondere der historiographische Blick Walter Benjamins und Pier Paolo Pasolinis mit literarischen Familiengeschichten in Dialog gebracht wird. Der literaturgeschichtliche Rahmen, der für diese Fragestellung und für mein Projekt relevant ist, reicht dabei von den Jahrzehnten nach der italienischen Einigung im Jahr 1861 bis in den Beginn des 21. Jahrhunderts; mit Matilde Serao, Anna Maria Ortese, Fabrizia Ramondino, Elena Ferrante und Roberto Saviano stehen zentrale Stimmen der neapolitanischen Literatur im Fokus der Arbeit. Diese erzählen Neapel immer und immer wieder entlang von Familien-Geschichte(n) – Familien-Geschichte(n), die beispielsweise im Falle Seraos anschaulich machen, wie der Versuch einer sozio-ökonomischen Integration Neapels in den neu gegründeten Nationalstaat mit einer Transformation der Familienstrukturen der Stadt einhergehen sollte und welches Spannungsverhältnis sich hier bis heute aufgetan hat.
Dieser Kurzschluss zwischen literarischen und zum Teil sehr populären Texten und dem theoretisch-geschichtsphilosophischem Diskurs möchte sich dabei einem Modus, die Stadt bzw. Neapel zu schreiben annähern, der den Begriff der Familiengeschichte durch einen Divis entbindet und eben die Familien-Geschichte in den Fokus rückt. Die dem zugrundeliegende These ist, dass sich Geschichte nicht ohne diese Geschichte(n) der Familie erzählen lässt. Ziel der Arbeit ist es dabei, einen Beitrag sowohl zum Neapeldiskurs als auch dem Familiendiskurs insgesamt zu leisten und aufzuzeigen, wie wichtig die literaturgeschichtlich wiederholt als seichte Unterhaltungsliteratur abgetanen literarischen Familien-Geschichte(n) hierfür sind. In anderen Worten möchte ich immer wieder zu den Fragen zurückkehren, was der Textraum Neapel uns über die Familie sagt und was uns der Zugang über die Familie über den Textraum Neapel sagen kann. Nicht zuletzt geht es mir dabei auch darum, das bisher im deutschen akademischen Diskurs nur begrenzt besprochene Werk von Autorinnen wie Serao, Ortese und Ramondino einer gemeinsamen Lektüre zu unterziehen, die auch im Sinne einer literaturgeschichtlichen Verwandtschaft zwischen diesen Texten familientheoretisch interessiert ist.
Arbeitsschwerpunkte:
Veröffentlichungen:
Herausgeberschaft:
Vorträge:
Lehrveranstaltungen:
Förderungen:
Gastaufenthalt an der Università di Messina im Zuge einer Erasmus-Personalmobilität zu Lehrzwecken (November 2026)
Mitgliedschaften:
Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (DGAVL)
Deutscher Italianistikverband (DIV)
International Walter Benjamin Society