In der jüdischen Geschichte und Gegenwart bildet die deutschsprachige Diaspora ein Phänomen besonderer Art. Unter anderem von Preußen aus erfolgte im Ausgang des 18. Jahrhunderts die Reformbewegung der jüdischen Aufklärung und damit die Angleichung an das europäische Bürgertum. In den Kronländern Habsburgs entfaltete sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Emanzipation eine jüdische Heimatliteratur. Dass gerade von Deutschland und Österreich als den Blüteländern der Akkulturation im 20. Jahrhundert die Vernichtung des europäischen Judentums ausging, scheint das Konzept der Assimilation unheilbar kontaminiert zu haben. Eingedenk dieser Zäsur möchte die Tagung Zwischen Assimilation und Dissimilation danach fragen, wie jüdische Stimmen deutscher Sprache ihr prinzipiell ambivalentes Verhältnis zu ihrer eminent unheimlichen Heimat seit 1945 bis heute verhandeln.
Die von Doktorand*innen am Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk organisierte Tagung findet am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft statt. Bereichert wird das Programm durch zwei Keynote-Vorträge von Prof. Dr. Stephan Braese (RWTH Aachen) und Dr. Luisa Banki (Bergische Universität Wuppertal), die programmatische Akzente setzen und weiterführende Perspektiven auf das Spannungsverhältnis von Assimilation und Dissimilation eröffnen.
Organisator*innen:
Joshua Biro (Uni Hamburg)
Nadja Fraenkel (Uni Heidelberg)
Ben Zechbauer (LMU München)
Um Voranmeldung wird gebeten:
assimilation.dissimilation@gmx.de
Programm
Freitag, 04. September 2026
- 14:00-14:10 Uhr
Prof. Dr. Jenny Willner:
Grußworte des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (LMU München) - 14:10-14:15 Uhr
Grußworte seitens der Organisation Ben Zechbauer / Nadja Samira Fraenkel / Joshua Biro - 14:15-15:15 Uhr
Keynote Prof. Dr. Stephan Braese:
Nach der Katastrophe. Zu einem Zeitraum ohne Ende - 15:15-16:00 Uhr
Ben Zechbauer:
Widerrufene Assimilation. Zur Unversöhnlichkeit deutschsprachiger Überlebenszeugnisse der Judenvernichtung - 16:00-16:30 Uhr
Kaffeepause - 16:30-17:15 Uhr
Prof. Dr. Paola Bozzi:
Nicht mehr hier und doch noch da. Zur Ambivalenz von Assimilation und Dissimilation im Werk Günther Andersʼ nach 1945 - 17:15-18:00 Uhr
Dr. Christian Luckscheiter:
Ausschluss aus der deutschen und Eingang in die deutsche Sprache bei Esther Dischereit und Olga Grjasnowa
Samstag, 05. September 2026
- 09:15-10:15 Uhr
Keynote Dr. Luisa Banki:
Der lebendige Laut. Deutsch als jüdische Literatursprache nach der Shoah - 10:15-10:45 Uhr
Kaffeepause - 10:45-11:30 Uhr
Silvia Burgio:
Zwischen Antisemitismus und Versöhnung: Zur Neuverhandlung jüdischer Identität in den Nachkriegsbearbeitungen von Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi - 11:30-12:15 Uhr
Luise Prager:
"Solange ich den Roter Faden im Hand hab ist doch alles gut."
Desintegration als literarische Strategie in Tomer Gardis Roman Broken German - 12:15-13:15 Uhr
Mittagessen vor Ort - 13:15-14:00 Uhr
Dr. Patrick Siegmann:
Zwischen Anpassung und Differenz: Jüdische Selbstverortung im transnationalen Raum in Dana Vowinckels Gewässer im Ziplock - 14:00-14:45 Uhr
Joshua Biro:
Zwischen Opfer- und Tätererbe: Ambivalente Erinnerungskonstellationen im Schreiben der dritten Generation - 14:45-15:15 Uhr
Kaffeepause - 15:15-16:00 Uhr
Nadja Samira Fraenkel:
Selbstentgrenzung und -begegnug. Zu den Reisemotiven in der deutschsprachig-jüdischen Gegenwartsliteratur - 16:00 Uhr
Ausklang und Ende der Tagung